Dokumentation Interview mit Stephan Lamby

“Öffentlichkeit ist anfällig geworden für Manipulation und hysterische Ausschläge“

Wie hat sich das politische Klima in Deutschland verändert? Dieser Frage geht der Autor Stephan Lamby in seiner Dokumentation „Nervöse Republik - Ein Jahr Deutschland“ nach. Er hat dafür ein Jahr lang Politiker und Journalisten beobachtet und begleitet, um so den „Strukturwandel der Öffentlichkeit aufzuspüren“. Im Interview mit Katja Heins erläutert Lamby, wie intensiv er die Protagonisten begleitet hat, und warum die Brexit-Nacht ein Schlüsselmoment war.

Was war Ihre Intention, mit der Sie an die Dokumentation herangegangen sind?

Lamby: Wir wollten in einer sich ändernden politischen Stimmung im Winter 2015/16 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise Politiker und Journalisten beobachten und herausfinden, wie sich die Art und Weise, mit der Öffentlichkeit hergestellt wird, verändert. Durch digitale Informationen, durch soziale Medien, auch Fake News und Verschwörungstheorien. Wir haben eine Veränderung des politischen Klimas gespürt und der Verdacht war, dass es sich nicht um eine kurze Phase handelt, sondern dass diese von langer Dauer sein würde. Kurz gesagt: Wir haben in der Langzeitbeobachtung eines Jahres versucht, den Strukturwandel der Öffentlichkeit aufzuspüren.

Sie haben ein Jahr lang Politiker beobachtet. Wie nah waren Sie dran?

Wir haben sechs Politiker begleitet und waren unterschiedlich nah dran, in einigen Phasen sogar sehr nah. Ich war bei der Landtagswahl von Mecklenburg-Vorpommern in der Parteizentrale der Bundes-SPD und bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus in der Zentrale der CDU dabei, auch in dem Moment, als die Spitzen der Partei am Nachmittag die Trendmeldungen bekamen. Da hatte ich die Möglichkeit, ziemlich unverfälscht Reaktionen auf Wahlergebnisse zu bekommen. Normalerweise ist zu diesem Zeitpunkt nie ein Journalist anwesend. Aber auch im räumlichen Sinne waren wir dicht dran: Wir waren mit Politikern im Auto, im Fahrstuhl, wir haben sie im Alltag begleitet. Was die Redaktionen von "Bild" und "Spiegel online" betrifft, so sind wir mit der Kamera in Redaktionskonferenzen dabei gewesen, sowohl tagsüber als auch nachts, zum Beispiel in der Brexit-Nacht im Juni. Wir waren morgens um vier Uhr bei "Spiegel online", als klar wurde, dass die Briten mehrheitlich gegen einen Verbleib in der EU gestimmt hatten. Insgesamt war das eine sehr ungewohnte Nähe – sowohl bei Politkern als auch bei den Journalisten.

Was war für Sie der wichtigste Moment?

Die Brexit-Nacht wird auf jeden Fall in Erinnerung bleiben. Denn kaum einer in der Redaktion ging ernsthaft davon aus, dass die Briten diese Entscheidung treffen würden. Insofern war das ein Schock für alle Beteiligten. Gleichzeitig öffnete dieser Moment die Augen für das, was gerade in der Welt passiert - und auch dafür, wie Meinungen in der Öffentlichkeit gebildet werden und wie beeinflussbar sie auch sind.

Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis in dem Film?

Wenn man sich die großen Ereignisse des vergangenen Jahres anschaut, also den Brexit, die Wahl von Trump, das Erstarken der AfD, die mittlerweile in elf Landesparlamenten ist, das Attentat am Breitscheidplatz in Berlin, dann wird klar, wie anfällig die Öffentlichkeit geworden ist. Auch anfällig für Manipulation, anfällig für hysterische Ausschläge. Vor zehn, 15 Jahren war der Medienmarkt noch halbwegs geordnet. Das hat sich dramatisch verändert, auch durch soziale Medien. In ihnen steckt gleichermaßen Gefahr wie Chance für die Demokratie. Als die Gezi-Park-Proteste vor drei Jahren auch über soziale Medien organisiert wurden, hat sich das demokratische Potenzial dieser Kanäle gezeigt. Erdogan ließ dann ja auch wochenlang YouTube und Twitter abschalten.

Journalisten werden zunehmend als Lügenpresse bezeichnet. Nun berichten Sie als Journalist über Ihre eigene Branche und die Veränderungen in der Kommunikation. Ist es Ihnen schwer gefallen, Distanz zu wahren?

Ich habe die Journalisten nicht anders behandelt als die Politiker. Interessant ist, dass wir uns alle in dem Jahr, in dem wir gedreht haben, Fehleinschätzungen geleistet haben. Die Kollegen von "Spiegel online" und auch ich haben den Brexit falsch bewertet. Wir haben Donald Trump unterschätzt. Die Kollegen der "Bild" haben am 10. Januar 2017 die Entscheidung von Sigmar Gabriel für eine Kanzlerkandidatur gemeldet. In dem Film werden einige Fehler offensichtlich. Und ich finde es wichtig, zu zeigen, wie diese Fehler entstehen und sie auch öffentlich zu korrigieren. Das ist ein Erkenntnisprozess, der notwendig ist für unsere Branche.


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