Programmhinweis phoenix-Förderpreis 2009

Samstag, 17. Januar 2015, 22.30 Uhr

Erstausstrahlung: 14 Arten, den Regen zu beschreiben

; PHOENIX/MADE IN GERMANY Filmproduktion, honorarfrei

Seit fünf Jahren rotiert das Leben von Manuela im Kreis – im Zentrum steht ihr ältester Sohn Peter. Im Film bleibt er so unsichtbar wie für seine Familie und Freunde, nicht greifbar und doch alles überschattend. Vor fünf Jahren hat er sich in die Isolation des heimischen Zimmers zurückgezogen. In einer sensiblen und genauen Beobachtung porträtiert der Debütfilm von Regisseur und Autor Marcel Ahrenholz über den Zeitraum eines Jahres das Leben von Manuela, die gegen den Verlust ihres ersten Sohnes Peter ankämpft. Ein filmisches Tagebuch des Wartens und der Angst.

; PHOENIX/MADE IN GERMANY Filmproduktion, honorarfrei

phoenix zeigt den Film als deutsche TV-Premiere. Der Debüt-Langfilm von Marcel Ahrenholz wurde gefördert mit Mitteln der Film- und Medienstiftung NRW und der Mitteldeutschen Medienförderung, mit Unterstützung von Werkleitz Zentrum für Medienkunst, in Zusammenarbeit mit phoenix.

Mit dem Thema, das Ahrenholz in seinem Film sehr feinfühlig behandelt, haben sich jüngst auch der Tagesspiegel und der Spiegel auseinandergesetzt.

Dokumentarfilm von Marcel Ahrenholz, phoenix/ZDF 2015, 90 Min.

www.14artendenregenzubeschreiben.de/

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14 ARTEN, DEN REGEN ZU BESCHREIBEN
INTERVIEW MIT DEM REGISSEUR MARCEL AHRENOLZ

Porträt von Marcel Ahrenholz   Regisseur und Autor Marcel Ahrenholz

Als Sie 2009 mit dem phoenix-Förderpreis ausgezeichnet worden sind. Hatten Sie da bereits Kontakt zu Melanie, 'Peters Mutter', der Protagonistin des Films?

Nein, den gab es damals noch nicht. Zu dem Zeitpunkt sollte der Film noch mit einer anderen Familie gedreht werden, zu der ich bereits lange Kontakt hatte. Wir waren damals kurz vor Drehbeginn, hatten schon viele Begegnungen und Gespräche - und dann sind sie ganz kurzfristig und für alle überraschend abgesprungen. Was bei dem Thema des Films aber auch nicht wirklich verwundert. Ich konnte die Ängste der Betroffenen sehr gut verstehen, sich und ihre Probleme so offen vor der Kamera darzulegen.

Wie kamen Sie auf das Thema 'sozialer Rückzug bei Jugendlichen' als Thema ihres Filmprojekts?

Auf das Thema bin ich in einem Zeitungsartikel zufällig gestoßen, in dem von den japanischen Hikikomori berichtet wurde: Jugendliche, die sich in ihre Zimmer zurückziehen und es für mehrere Jahre nicht mehr verlassen. Diese Geschichten nahmen mich sofort gefangen und ich suchte gespannt nach weiterem Material. Da im Internet, in Zeitungsartikeln und Büchern aber nur von diesem speziellen japanischen Phänomen die Rede war, kristallisierte sich bei mir nach und nach die Frage heraus, ob es hier in Deutschland etwas ähnliches gibt. Ich begann Kontakt mit Kliniken in ganz Deutschland aufzunehmen und fand heraus, dass es auch hier Jugendliche gibt, die sich in ihre Zimmer zurückziehen und diese nicht mehr verlassen. In einem Gespräch mit der Produzentin Melanie Andernach wurde dann schnell klar, dass der Stoff ein großes Potential für ein Filmprojekt in sich birgt.

Können Sie sich in diese Jugendlichen hinein versetzen?

Ich kann diese jungen Menschen auf jeden Fall gut verstehen, finde das nachvollziehbar was sie machen. Unsere gegenwärtige Gesellschaft kann einem Angst machen. Und unter bestimmten Umständen/Voraussetzungen reagiert man dann so oder so. Einige arbeiten ihre Ängste mehr nach Außen ab, werden vielleicht aggressiv. Andere ziehen das eher in ihr inneres und machen das mit sich aus. Im Extremfall wird dann eventuell so ein Rückzug daraus. Ich habe mich schon immer eher für diese Seite des Menschen interessiert, die leise, zurückgezogene, schmerzhafte. Die Kurzfilme die ich vorher gemacht habe, behandelten Themen wie Selbstmord, Trennung, Einsamkeit.

Wen wollten Sie porträtieren, den Hikikomori oder die Familie?

Zwei der wichtigsten inhaltlichen und ästhetischen Überlegungen, die heute auch den fertigen Film charakterisieren, gab es damals schon: aufgrund meiner Gespräche mit betroffenen Familien, mit Ärzten und Psychologen und auch ehemals betroffenen Jugendlichen wurde mir schnell klar, dass ich die Jugendlichen nicht zeigen wollte. Ein Film über Menschen, die sich aus der Welt zurückziehen, die für ihre Mitmenschen und sogar ihre Familien nicht mehr sichtbar sind, darf diese Menschen nicht im Bild zeigen, sondern muss den Eindruck des Verschwindens, des Geisterhaften mit dem Zuschauer teilen. Das war das eine. Der andere Punkt war, dass ich weder die Krankheit erklären noch Ursachenforschung betreiben wollte. Mir ging es darum, dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, am Alltag einer Familie teilzuhaben, die mit einem solchen Problem zu kämpfen hat. Ich wollte zeigen, was es bedeutet, wenn man ein Kind Stück für Stück verliert, obwohl oder gerade weil es hinter der nächsten Tür sitzt. Ich wollte den Kampf um Normalität, die Hoffnungen und Rückschläge dokumentieren.

Sie haben eine Langzeitstudie vorgelegt, waren im ständigen Kontakt mit Peters Mutter. Wie liefen die Dreharbeiten konkret ab?

Der Drehzeitraum umfasste ein Jahr und konkret lief es so ab, dass ich mit meinem Kameramann Andreas Köhler in Abständen von ungefähr vier bis sechs Wochen jeweils vier bis fünf Drehtage bei der Familie hatte. Zwischen den Drehs habe ich regelmäßig mit Manuela gesprochen und mich mit ihr getroffen, so dass ich wusste, wenn besondere Termine anstanden oder sich Entwicklungen abzeichneten, die ich in den Film aufnehmen wollte. Das Drehteam bestand auch nur aus Andreas Köhler an der Kamera und mir am Ton.

Aufgrund der besonderen Belastung durch ein Drehteam, wollte ich der Familie keine wechselnden Teams zumuten. Kontinuität war in diesem Punkt für mich essentiell. Mir war auch wichtig das Team möglichst klein zu halten, um die besondere Intimität zu wahren.

Wann haben Sie die Dreharbeiten abgeschlossen und wie lange dauerte es danach, den Film fertigzustellen?

Die Dreharbeiten waren im Winter 2011 abgeschlossen. Schnitt, Sounddesign, Musik und die ganze technische Postproduktion hat dann noch einmal ein Jahr in Anspruch genommen.

Haben Sie aktuell, nach Fertigstellung des Films noch Kontakt, und wie ist die Situation von Manuela und Peter heute?

Der Kontakt existiert noch, was mich auch sehr freut. Natürlich ist er nicht mehr so eng wie zum Zeitpunkt des Drehs, aber wir schreiben uns regelmäßig und hin und wieder sehen wir uns auch. Was Peter betrifft, so hat sich an der grundlegenden Situation nicht viel geändert. Wie auch im Film zu sehen ist, gibt es immer Bewegung, mal geht es bergauf, dann gibt es wieder einen Rückschlag. Aber letztlich sind die vier Wände seines Zimmers noch immer eine Grenze, die schwer zu überwinden ist.

Haben Sie selbst mit Peter gesprochen, zu Drehbeginn oder nach Abschluss des Filmprojekts?

Ich habe vor Drehbeginn und auch während des Drehs immer wieder versucht mit Peter Kontakt aufzunehmen. Was natürlich eine Gratwanderung ist, weil man auch keinen Druck aufbauen darf. Während der Dreharbeiten gab es hin und wieder mal kurze überraschende Begegnungen, wenn er vielleicht gerade zufällig ins Bad ging oder sich was zu essen holen wollte. Das erste richtige Gespräch hatten wir ungefähr in der Mitte der Dreharbeiten, also nach einem halben Jahr. Aber ich glaube wir waren beide zu aufgeregt, um aus dieser 30- minütigen Unterhaltung etwas Konkretes zu machen. Und dann trat aber das ein, womit eigentlich niemand gerechnet hatte: und zwar hat sich Peter am vorletzten Drehtag des Projekts, also nach 12 Monaten Arbeit, für ein Interview neben seiner Mutter vor die Kamera gesetzt. Ich konnte zwei oder drei Fragen stellen, die vor allem seine Klinikaufenthalte betrafen und dann war es auch schon wieder vorbei. Das sind bis heute die einzigen Begegnungen geblieben. Aber ich hoffe sehr, dass ich irgendwann nochmal die Chance bekomme mit ihm zu reden.

Hat er den Film bereits gesehen und gab es Reaktionen?

Soweit ich weiß hat er den Film gesehen, gemeinsam mit seiner Familie und er hat ihm auch gefallen.

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Es gab nach der Fertigstellung von 14 Arten mehrere Projekte an denen ich gearbeitet habe, Dokumentar- und Spielfilme. Die sind momentan aber alle bei Seite gelegt. Ich bin inzwischen selber Vater geworden und mache zur Zeit eine Tischlerlehre. Ob eines der geplanten Projekte noch einmal aufgegriffen wird, steht momentan noch in den Sternen.

Was bedeutete der Gewinn des phoenix-Nachwuchspreis für die Umsetzung Ihres Filmprojektes?

Der Preis bedeutet mir sehr viel. Es war DER Schritt, zum ersten Langfilm. Den Anruf, dass ich den Preis gewonnen habe, bekam ich übrigens, als ich gerade Werbeprospekte in Briefumschläge sortierte - einer von vielen Nebenjobs mit denen ich damals meinen großen Traum vom Filmemachen finanzierte. Die Zusage des Preises hat mir diesen Traum erfüllt. Ohne den phoenix- Nachwuchspreis wäre dieser Film sicher nicht zustande gekommen!



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